{"id":400,"date":"2023-07-24T11:59:22","date_gmt":"2023-07-24T11:59:22","guid":{"rendered":"https:\/\/stefanschmid.org\/?p=400"},"modified":"2023-07-24T12:03:45","modified_gmt":"2023-07-24T12:03:45","slug":"die-erde-ist-ein-archiv-der-vergangenheit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/stefanschmid.org\/?p=400","title":{"rendered":"<strong>\u00abDie Erde ist ein Archiv der Vergangenheit\u00bb<\/strong>"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>Simon Kurmann sucht mit dem Metalldetektor nach verborgenen Gegenst\u00e4nden aus fr\u00fcheren Zeiten. Mit Schatzsuchen hat sein Beruf jedoch wenig zu tun, denn viele Funde sind moderner M\u00fcll. Ein Rundgang mit dem Arch\u00e4ologen bei der Kastelenruine.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Langsam schwingt Simon Kurmann den Metalldetektor hin und her, nur wenige Zentimeter \u00fcber der gem\u00e4hten Wiese. Er schaut dabei konzentriert auf den Boden und macht kleine Schritte vorw\u00e4rts. Pl\u00f6tzlich piepst das Ger\u00e4t und sendet ein hohes, sirrendes Ger\u00e4usch aus. Der Arch\u00e4ologe lauscht aufmerksam, h\u00e4lt an und bewegt den schwarzen Ring mehrmals \u00fcber die gleiche Stelle. Der Ton wird lauter. Kurmann zieht ein rot-weisses F\u00e4hnchen aus seiner Tasche und steckt es in den Boden.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" width=\"1024\" height=\"768\" src=\"https:\/\/stefanschmid.org\/wp-content\/uploads\/2023\/07\/46F9279E-2168-40C3-9286-8292597D3788-1024x768.jpeg\" alt=\"\" class=\"wp-image-402\" srcset=\"https:\/\/stefanschmid.org\/wp-content\/uploads\/2023\/07\/46F9279E-2168-40C3-9286-8292597D3788-1024x768.jpeg 1024w, https:\/\/stefanschmid.org\/wp-content\/uploads\/2023\/07\/46F9279E-2168-40C3-9286-8292597D3788-300x225.jpeg 300w, https:\/\/stefanschmid.org\/wp-content\/uploads\/2023\/07\/46F9279E-2168-40C3-9286-8292597D3788-768x576.jpeg 768w, https:\/\/stefanschmid.org\/wp-content\/uploads\/2023\/07\/46F9279E-2168-40C3-9286-8292597D3788-1536x1152.jpeg 1536w, https:\/\/stefanschmid.org\/wp-content\/uploads\/2023\/07\/46F9279E-2168-40C3-9286-8292597D3788-2048x1536.jpeg 2048w, https:\/\/stefanschmid.org\/wp-content\/uploads\/2023\/07\/46F9279E-2168-40C3-9286-8292597D3788-2000x1500.jpeg 2000w\" sizes=\"(max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\">Simon Kurmann sucht den Boden bei der Kastelenruine mit dem Metalldetektor ab.<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p><strong>Spuren aus dem Mittelalter<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Eine Stunde zuvor: Simon Kurmann parkiert das Auto der Kantonsarch\u00e4ologie Luzern beim Museum Burgrain und nimmt aus dem Kofferraum den Metalldetektor, zwei Werkzeugkoffer sowie eine lange Halterung f\u00fcrs GPS-Ger\u00e4t. Schwer bepackt marschiert er auf dem Wanderweg hoch zur Kastelenruine. F\u00fcr Forscher ein interessanter Ort &#8211; Spuren zeigen, dass der H\u00fcgel hoch \u00fcber Alberswil wohl schon in der Jungsteinzeit vor 5000 Jahren besiedelt war. Im Mittelalter standen dort eine Burg und Wohnh\u00e4user. Die Spuren der Vergangenheit liegen heute unter dem Boden. Arch\u00e4ologen rekonstruieren daraus, wie man fr\u00fcher gelebt hat. \u00abDie Erde ist ein Archiv der Vergangenheit\u00bb, sagt Simon Kurmann.<\/p>\n\n\n\n<p>Dort wo der Detektor Metall anzeigt, kommt eine kleine Schaufel zum Einsatz. Kurmann entfernt damit zuerst die Grasnarbe und gr\u00e4bt dann etwa 10 Zentimeter tief in den Boden. Er nimmt eine Handvoll Erde und f\u00e4hrt mit einem Handscanner dar\u00fcber. Auch dieses Ger\u00e4t piepst, wenn Metall in der N\u00e4he ist. Trotz moderner Hilfsmittel ist das Finden eine Sisyphus-Arbeit.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" width=\"1024\" height=\"680\" src=\"https:\/\/stefanschmid.org\/wp-content\/uploads\/2023\/07\/DSC_0716-1024x680.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-403\" srcset=\"https:\/\/stefanschmid.org\/wp-content\/uploads\/2023\/07\/DSC_0716-1024x680.jpg 1024w, https:\/\/stefanschmid.org\/wp-content\/uploads\/2023\/07\/DSC_0716-300x199.jpg 300w, https:\/\/stefanschmid.org\/wp-content\/uploads\/2023\/07\/DSC_0716-768x510.jpg 768w, https:\/\/stefanschmid.org\/wp-content\/uploads\/2023\/07\/DSC_0716-1536x1020.jpg 1536w, https:\/\/stefanschmid.org\/wp-content\/uploads\/2023\/07\/DSC_0716-2048x1360.jpg 2048w, https:\/\/stefanschmid.org\/wp-content\/uploads\/2023\/07\/DSC_0716-2000x1328.jpg 2000w\" sizes=\"(max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p>Nur die oberste Schicht wird abgesucht, liegt ein Gegenstand tiefer im Boden, l\u00e4sst ihn der Arch\u00e4ologe liegen. Die Erde sch\u00fctzt dort vor fremden Zugriff. Erst wenn die Erosion Dinge an die Oberfl\u00e4che bringt, retten sie Arch\u00e4ologen. Die Kastelenburg und andere arch\u00e4ologisch wertvolle Orte werden daf\u00fcr regelm\u00e4ssig abgesucht. Die Kantonsarch\u00e4ologie arbeitet mit 15 ehrenamtlichen \u00abSondlern\u00bb zusammen, die f\u00fcr den Kanton Luzern unterwegs sind und ihre Funde nach Vorgabe dokumentieren. Sowieso geh\u00f6ren alle Fundst\u00fccke dem Kanton, auch wenn sie von illegalen Metallsuchern gefunden werden.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" width=\"1024\" height=\"680\" src=\"https:\/\/stefanschmid.org\/wp-content\/uploads\/2023\/07\/DSC_0725-1024x680.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-404\" srcset=\"https:\/\/stefanschmid.org\/wp-content\/uploads\/2023\/07\/DSC_0725-1024x680.jpg 1024w, https:\/\/stefanschmid.org\/wp-content\/uploads\/2023\/07\/DSC_0725-300x199.jpg 300w, https:\/\/stefanschmid.org\/wp-content\/uploads\/2023\/07\/DSC_0725-768x510.jpg 768w, https:\/\/stefanschmid.org\/wp-content\/uploads\/2023\/07\/DSC_0725-1536x1020.jpg 1536w, https:\/\/stefanschmid.org\/wp-content\/uploads\/2023\/07\/DSC_0725-2048x1360.jpg 2048w, https:\/\/stefanschmid.org\/wp-content\/uploads\/2023\/07\/DSC_0725-2000x1328.jpg 2000w\" sizes=\"(max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p>Im Kanton Luzern darf nur mit einer Bewilligung nach arch\u00e4ologischen Gegenst\u00e4nden gesucht werden. Das hat seinen Grund, sagt Kurmann. Laien w\u00fcrden oft einfach L\u00f6cher graben und dabei auch Spuren der Vergangenheit zerst\u00f6ren. Sowieso sei der genaue Ort und der Kontext wichtiger als der einzelne Fund.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Unspektakul\u00e4re Funde:<\/strong> <strong>B\u00fcchsen, Kaffeel\u00f6ffel und Patronenh\u00fclsen<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Als Schatzsucher sieht sich Kurmann denn auch nicht. Es geht nicht darum, m\u00f6glichst wertvolle Funde aus dem Boden zu holen, sondern Dinge zum Verstehen der fr\u00fcheren Gesellschaften zu brauchen. \u00abWir haben eine Verantwortung als Gesellschaft f\u00fcr unser kulturelles Erbe: dieses zu bewahren und weiterzugeben\u00bb.<\/p>\n\n\n\n<p>Viele Funde sind weit weniger spektakul\u00e4r als man sich vorstellt. \u00ab95 Prozent der Gegenst\u00e4nde sind Zivilisationsm\u00fcll\u00bb, so der Arch\u00e4ologe. Er st\u00f6sst an diesem Morgen zuerst auf einen Dosenring, dann auf ein St\u00fcck Alufolie, einen Kaffeel\u00f6ffel und einen Hacken. Und er findet\u00a0 mehrere Patronenh\u00fclsen, eingraviert mit Jahr 1953.\u00a0<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" width=\"2560\" height=\"1920\" src=\"https:\/\/stefanschmid.org\/wp-content\/uploads\/2023\/07\/37CD3646-1B25-4527-A3DB-DE74970683CA-edited-1-scaled.jpeg\" alt=\"\" class=\"wp-image-410\" srcset=\"https:\/\/stefanschmid.org\/wp-content\/uploads\/2023\/07\/37CD3646-1B25-4527-A3DB-DE74970683CA-edited-1-scaled.jpeg 2560w, https:\/\/stefanschmid.org\/wp-content\/uploads\/2023\/07\/37CD3646-1B25-4527-A3DB-DE74970683CA-edited-1-300x225.jpeg 300w, https:\/\/stefanschmid.org\/wp-content\/uploads\/2023\/07\/37CD3646-1B25-4527-A3DB-DE74970683CA-edited-1-1024x768.jpeg 1024w, https:\/\/stefanschmid.org\/wp-content\/uploads\/2023\/07\/37CD3646-1B25-4527-A3DB-DE74970683CA-edited-1-768x576.jpeg 768w, https:\/\/stefanschmid.org\/wp-content\/uploads\/2023\/07\/37CD3646-1B25-4527-A3DB-DE74970683CA-edited-1-1536x1152.jpeg 1536w, https:\/\/stefanschmid.org\/wp-content\/uploads\/2023\/07\/37CD3646-1B25-4527-A3DB-DE74970683CA-edited-1-2048x1536.jpeg 2048w, https:\/\/stefanschmid.org\/wp-content\/uploads\/2023\/07\/37CD3646-1B25-4527-A3DB-DE74970683CA-edited-1-2000x1500.jpeg 2000w\" sizes=\"(max-width: 2560px) 100vw, 2560px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\">Fundst\u00fccke der Suche: ein mittelalterlicher Nagel (links), der Rest ist Abfall der modernen Zivilisation.<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Der Detektor macht unterschiedliche Ger\u00e4usche \u2013 f\u00fcr Laien kaum h\u00f6rbar \u2013 f\u00fcr Eisen und Buntmetalle wie Kupfer oder Bronze. So finden die Forscher ab und zu Schmuck oder eine G\u00fcrtelschnalle.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Kein Schwert, daf\u00fcr alte N\u00e4gel<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Auch Simon Kurmann hat schon spektakul\u00e4re Funde wie eine Pfeilspitze aus Bronze aus dem Boden gezogen. \u00abEin Traum w\u00e4re, mal ein altes Schwert zu finden\u00bb, sagt er. So viel Gl\u00fcck hat er an diesem Tag nicht. Und doch st\u00f6sst er bei der letzten markierten Fundstelle noch auf ein \u00dcberbleibsel aus dem Mittelalter: ein geschmiedeter Nagel, gesch\u00e4tztes Alter 500 bis 600 Jahre. Keine arch\u00e4ologische Sensation &#8211; und doch ein Zeugnis der Vergangenheit, von deren Archiv die Erde einen kleinen Teil preisgibt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Simon Kurmann sucht mit dem Metalldetektor nach verborgenen Gegenst\u00e4nden aus fr\u00fcheren Zeiten. Mit Schatzsuchen hat sein Beruf jedoch wenig zu tun, denn viele Funde sind moderner M\u00fcll. 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