{"id":532,"date":"2024-03-22T14:11:13","date_gmt":"2024-03-22T14:11:13","guid":{"rendered":"https:\/\/stefanschmid.org\/?p=532"},"modified":"2024-03-22T14:11:13","modified_gmt":"2024-03-22T14:11:13","slug":"der-hirte-unterwegs-mit-600-schafen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/stefanschmid.org\/?p=532","title":{"rendered":"Der Hirte unterwegs mit 600 Schafen"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>W\u00e4hrend den Wintermonaten zieht Rolf Thalmann mit einer grossen Schafherde durch die Region. Was nach Idylle und einfachem Leben aussieht, braucht viel Erfahrung und gute Planung.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Die Grasb\u00fcschel sind gefroren, Schnee \u00fcberzieht die Wiesen an diesem Morgen. Der Nebel h\u00e4ngt \u00fcber den Feldern, die k\u00fchle Luft bringt den Winter hier in der N\u00e4he des Ruswiler Weilers Etzenerlen nochmals zur\u00fcck. Hirte Rolf Thalmann hat seine Jacke hoch ins Gesicht gezogen, Kappe und Kapuze \u00fcber dem Kopf. Die Schafe zupfen das Gras durch die Schneedecke, stehen weit verteilt auf der Wiese. Zwei Tiere wagen sich ein paar Schritte auf den benachbarten Acker. Thalmann ruft \u00abGo, Diego\u00bb, der Hund spurtet davon, macht einen grossen Bogen und nimmt dann Kurs auf die Abtr\u00fcnnigen. Noch bevor der Hund die Schafe erreicht, ziehen sie sich wieder aus dem verbotenen Terrain zur\u00fcck. Hund Blake legt sich nieder, der Hirte lobt ihn kurz und l\u00e4chelt entspannt. Kein Gebell und kaum Gebl\u00f6cke st\u00f6ren die friedliche Szenerie. Alles wirkt routiniert und eingespielt.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" width=\"1024\" height=\"680\" src=\"https:\/\/stefanschmid.org\/wp-content\/uploads\/2024\/03\/DSC_0944-1024x680.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-533\" srcset=\"https:\/\/stefanschmid.org\/wp-content\/uploads\/2024\/03\/DSC_0944-1024x680.jpg 1024w, https:\/\/stefanschmid.org\/wp-content\/uploads\/2024\/03\/DSC_0944-300x199.jpg 300w, https:\/\/stefanschmid.org\/wp-content\/uploads\/2024\/03\/DSC_0944-768x510.jpg 768w, https:\/\/stefanschmid.org\/wp-content\/uploads\/2024\/03\/DSC_0944-1536x1020.jpg 1536w, https:\/\/stefanschmid.org\/wp-content\/uploads\/2024\/03\/DSC_0944-2048x1360.jpg 2048w, https:\/\/stefanschmid.org\/wp-content\/uploads\/2024\/03\/DSC_0944-2000x1328.jpg 2000w\" sizes=\"(max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p><strong>Viel Erfahrung f\u00fcr eine\u00a0\u00absimple Arbeit\u00bb<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Seit drei Monaten ist der 40-J\u00e4hrige als Wandersch\u00e4fer unterwegs. Von Schwarzenberg, wo er die Tiere \u00fcbernommen hat, zog er \u00fcber Malters und Emmenbr\u00fccke nach Sempach, der R\u00fcckweg f\u00fchrt ihn via Nottwilerberg nach Ziswil und zur\u00fcck nach Schwarzenberg. Er f\u00fchrt die Schafherde, die der Familie Vogel in Schwarzenberg geh\u00f6rt, Bauer und Wandersch\u00e4fer Ernst Vogel verstarb vor einem Jahr. Ihn hat Rolf Thalmann andere Jahre begleitet oder abgel\u00f6st, in diesem Jahr ist er nun alleine f\u00fcr die Herde verantwortlich. Diese ist schon kleiner geworden: 300 Weidel\u00e4mmer sind schon beim Metzger, nun ziehen noch etwa 600 Schafe mit dem Hirten durchs Land. Es sei ein bunter Haufen an Rassen und Farben, sagt Thalmann und z\u00e4hlt auf: Weisses Alpenschaf, Walliser Bergschaf, Bergamasker, Spiegelschafe und viele mehr. Bei Schafen g\u00e4be es viele Kreuzungen, da man typische Fleischrassen, die schnell an Gewicht zulegen, mit robusten Rassen, die zweimal im Jahr Nachwuchs haben, zu kreuzen versuche.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00abLay down, hey Diego, lay down!\u00bb Wieder hallt das Kommando auf englisch durch den Nebel. Der Hund legt sich wieder hin, bereit f\u00fcr den n\u00e4chsten Auftrag. Blake, der zweite Hund, wartet derweil an der Leine beim Hirten. Die Hunde sollen so wenig wie m\u00f6glich eingesetzt werden, erkl\u00e4rt Rolf Thalmann. Sie w\u00fcrden sonst nur Unruhe in die Herde bringen.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Hirte strahlt eine grosse Ruhe aus. Er spricht mit Bedacht, wirkt entspannt und sieht trotzdem immer, was sich in der Herde gerade tut. Und er lacht gerne, immer mal wieder blitzt der Schalk auf in seinen Augen. Etwa wenn er sagt, die Arbeit sei eigentlich simpel, er stehe ja oft einfach herum und schaue den Schafen zu. \u00abIch muss schauen, dass sie gen\u00fcgend zu fressen haben, zusammenbleiben und am Abend einen Schlafplatz finden.\u00bb Doch daf\u00fcr ist viel Erfahrung und Planung notwendig.<\/p>\n\n\n\n<p>Thalmann ist den dritten Winter mit dieser Herde unterwegs, mit Tieren hat er jedoch seit langem zu tun. So hat er nach der KV-Lehre und einem Studium als Umweltingenieur einem Sch\u00e4fer im Thurgau geholfen, er arbeitete auf Bauernh\u00f6fen mit, geht im Sommer auf die Alp und nimmt immer wieder Gelegenheitsjobs an. Vieles sei learing by doing, ausser wenigen Tagen Hirtenausbildung hat er sich sein Wissen selber beigebracht. Der in Emmenbr\u00fccke wohnhafte sagt, er sei gerne sein eigener Chef und sch\u00e4tze es, nach ein paar Monaten wieder etwas anderes zu machen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>T\u00e4gliche Routenplanung und Absprache mit den Bauern<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Auf der Karte plant Thalmann jeden Morgen die Strecke, geht bei Bauern vorbei und fragt, wo seine Herde durchziehen oder weiden darf. Die meisten Landwirte seien ihm sehr wohlgesinnt. Der Kanton Luzern regelt das Treiben von Wanderschafherden mit einer Bewilligung und vergibt die Wandergebiete. Thalmann ber\u00fccksichtigt f\u00fcr die Routenwahl, welche Felder gen\u00fcgend Nahrung hergeben, wo bereits G\u00fclle ausgebracht wurde und wo es Gefahren gibt. Dazu geh\u00f6ren Bahngleise oder Strassen. Deren \u00dcberquerung sei eigentlich problemlos, zusammen mit Helfern und den Hunden dauere es nur wenige Minuten. Heikler sind \u00c4cker, die nicht betreten werden d\u00fcrfen oder grosse N\u00e4sse auf den Wiesen. Dann w\u00fcrden die Schafe mehr Spuren hinterlassen. Lieber sind ihm Schnee und gefrorene Wiesen wie an diesem Tag.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" width=\"1024\" height=\"680\" src=\"https:\/\/stefanschmid.org\/wp-content\/uploads\/2024\/03\/DSC_0949-1024x680.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-534\" srcset=\"https:\/\/stefanschmid.org\/wp-content\/uploads\/2024\/03\/DSC_0949-1024x680.jpg 1024w, https:\/\/stefanschmid.org\/wp-content\/uploads\/2024\/03\/DSC_0949-300x199.jpg 300w, https:\/\/stefanschmid.org\/wp-content\/uploads\/2024\/03\/DSC_0949-768x510.jpg 768w, https:\/\/stefanschmid.org\/wp-content\/uploads\/2024\/03\/DSC_0949-1536x1020.jpg 1536w, https:\/\/stefanschmid.org\/wp-content\/uploads\/2024\/03\/DSC_0949-2048x1360.jpg 2048w, https:\/\/stefanschmid.org\/wp-content\/uploads\/2024\/03\/DSC_0949-2000x1328.jpg 2000w\" sizes=\"(max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p>Der Alltag der Schafe besteht aus Fressen, Liegen und Wiederk\u00e4uen. Ist eine Wiese abgegrast, zieht es die Herde weiter. Ist es k\u00e4lter, brauchen die Schafe mehr Energie und sind hungriger. In der N\u00e4he von H\u00f6fen muss der Hirte deshalb gut aufpassen, dass die Tiere nicht von Strohballen oder Gem\u00fcsekulturen fressen. Das Mittagessen des Hirten f\u00e4llt dagegen oft sp\u00e4rlich aus: vorgekochtes aus dem Tupperware, bei schlechtem Wetter auch mal im Auto, wo er sich wieder aufw\u00e4rmt. Nur selten gebe es eine Einladung an einen Tisch. Ist es ein einsames Leben mit den 600 Schafen unterwegs? Man m\u00fcsse gerne mit sich alleine sein und Einsamkeit aushalten, sagt Thalmann. Soziale Kontakte zu pflegen sei bei dieser Arbeit nicht so einfach. Daf\u00fcr besuchen ihn Bekannte immer mal wieder draussen auf dem Feld. Und einige Jugendliche aus der Region begleiten und unterst\u00fctzen ihn tageweise. Dann kann er auch mal von der Herde weg und Eink\u00e4ufe erledigen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Keine Angst vor dem Wolf<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Die Nacht verbringt der Sch\u00e4fer zu Hause, auch die beiden Hunde nimmt er mit. Die Schafe werden f\u00fcrs Nachtlager eingez\u00e4unt. Angst, die Schafe alleine zu lassen, hat der erfahrene Hirte nicht, trotz verschiedenen Wolf-Vorf\u00e4llen in der Gegend. Er sch\u00fctze die Tiere wie empfohlen mit einem Elektrozaun von 1.05 Meter H\u00f6he, ausnahmsweise auch mal mit einem zweiten Zaun. Bisher habe es so zum Gl\u00fcck keine Probleme gegeben.<\/p>\n\n\n\n<p>Doch die Sorge um die Schafe ist immer da. Rolf Thalmann hat die Tiere gerne und behandelt sie respektvoll, obwohl er nicht jedes einzelne kennt. Es braucht ein feines Sensorium, um kranke oder verletzte Tiere rechtzeitig zu erkennen. Auch die Klauenkrankheit grasiert immer mal wieder und muss behandelt werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Trotz Tierliebe: der Auftrag f\u00fcr den Sch\u00e4fer ist klar, in seiner Obhut sollen die Schafe viel Fleisch ansetzen, bevor sie zum Metzger kommen. Er selber ern\u00e4hrt sich dagegen meist vegetarisch. Nur selten beisst er in eine getrocknete Schafwurst \u2013 aus der \u00abeigenen\u00bb Produktion. Da wisse er, dass die Tiere ein sch\u00f6nes Leben hatten und gut gehalten wurden.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Eine Fernwanderung\u00a0durchs Land der Schafe<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>In seiner Zeit als Wandersch\u00e4fer hat Rolf Thalmann nur wenig freie Zeit: nur neun Tage stand er seit Anfang Dezember nicht auf dem Feld. Die Pr\u00e4senzzeiten sind hoch, der Lohn nicht gross. Warum zieht es Thalmann trotzdem jedes Jahr im Winter wieder hinaus? \u00abIch bin einfach gerne draussen in der Natur, wo ich mit den Schafen und Hunden arbeiten kann.\u00bb<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" width=\"1024\" height=\"680\" src=\"https:\/\/stefanschmid.org\/wp-content\/uploads\/2024\/03\/DSC_0958-1024x680.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-535\" srcset=\"https:\/\/stefanschmid.org\/wp-content\/uploads\/2024\/03\/DSC_0958-1024x680.jpg 1024w, https:\/\/stefanschmid.org\/wp-content\/uploads\/2024\/03\/DSC_0958-300x199.jpg 300w, https:\/\/stefanschmid.org\/wp-content\/uploads\/2024\/03\/DSC_0958-768x510.jpg 768w, https:\/\/stefanschmid.org\/wp-content\/uploads\/2024\/03\/DSC_0958-1536x1020.jpg 1536w, https:\/\/stefanschmid.org\/wp-content\/uploads\/2024\/03\/DSC_0958-2048x1360.jpg 2048w, https:\/\/stefanschmid.org\/wp-content\/uploads\/2024\/03\/DSC_0958-2000x1328.jpg 2000w\" sizes=\"(max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p>Doch f\u00fcr diese Saison ist Schluss, in diesen Tagen gibt er die Herde wieder zur\u00fcck. Thalmann ist froh: \u00abEs gen\u00fcgelt mir dann jeweils nach dreieinhalb Monaten immer um die Schafe.\u00bb Nun freue er sich auf ein paar freie Tage. Und dann ist ein gr\u00f6sseres Projekt schon geplant: im April geht es f\u00fcr zwei Monate auf eine Fernwanderung nach Schottland \u2013 ins Land der Schafe.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>W\u00e4hrend den Wintermonaten zieht Rolf Thalmann mit einer grossen Schafherde durch die Region. Was nach Idylle und einfachem Leben aussieht, braucht viel Erfahrung und gute Planung. Die Grasb\u00fcschel sind gefroren, Schnee \u00fcberzieht die Wiesen an diesem Morgen. 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