{"id":679,"date":"2025-08-27T14:45:15","date_gmt":"2025-08-27T14:45:15","guid":{"rendered":"https:\/\/stefanschmid.org\/?p=679"},"modified":"2025-08-27T14:45:15","modified_gmt":"2025-08-27T14:45:15","slug":"der-krampf-nach-dem-kampf","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/stefanschmid.org\/?p=679","title":{"rendered":"Der Krampf nach dem Kampf"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>In einer Chong-Do-Probelektion lernt Redaktor Stefan Schmid, wie viel K\u00f6rperbeherrschung in den Bewegungen steckt und dass Kampfsport nichts mit Gewalt zu tun hat.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Bevor ich an diesem Abend \u00fcberhaupt den ersten Kick wage, bringt Lehrer Markus Fedrizzi Ordnung in mein Kampfsportwissen. In meinem Kopf schwirren seine Worte herum wie ein wirbelnder Ninja-K\u00e4mpfer. Denn Kampfsportarten gibt es unz\u00e4hlige. Aus Japan stammen Judo, JiuJitsu, Karate oder Aikido. Koreanische Wurzeln haben Hapkido und Taekwondo. Chinesisch sind Kung Fu oder Tai Chi. Die Unterschiede liegen in der Technik \u2013 also ob eher W\u00fcrfe oder Schl\u00e4ge eingesetzt werden, in der Philosophie \u2013 mal Selbstverteidigung, mal Wettkampf, mal spirituelle Entwicklung, und in der Herkunft. Als ob das nicht schon kompliziert genug w\u00e4re, hat der Ruswiler Markus Fedrizzi mit Chong-Do ein eigenes Kampfsystem entwickelt. Bei dieser koreanischen Kampfkunst werden Elemente aus Hapkido und Kung-Fu kombiniert.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Nach all diesen Erkl\u00e4rungen merke ich: bei meinem Auftrag, eine japanische Kampfsportart auszuprobieren, bin ich schon mal zu Boden gegangen. Lehrer Fedrizzi verzeiht mir jedoch das asiatische Durcheinander. Und ich hoffe, dass ich in der Probelektion einen besseren Eindruck hinterlasse als bei meiner Recherchearbeit.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Als Erwachsener im Kindertraining<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Und so stelle ich mich in die Reihe der jungen Kampfsportler. Sie sind halb so gross und doppelt so beweglich wie ich. Der Chong-Do-Verein trainiert an zwei Standorten. In Emmen sind auch Erwachsene mit dabei, in Ruswil ausschliesslich Kinder, einige erst gerade 6 Jahre alt. Ausnahmsweise darf ich mich f\u00fcr ein Training, das wegen der W\u00e4rme draussen stattfindet, dazugesellen.<\/p>\n\n\n\n<p>Zuerst machen wir ein Aufw\u00e4rmtraining mit Schrittabfolgen, einfachen Kickbewegungen und Drehungen. Was der grosse Meister vorzeigt, sieht locker aus. Bein anheben, H\u00fcfte abdrehen, Kick aus dem Fussgelenk, Fuss gestreckt, so das Kommando. Ich gerate schon bei dieser einfachen \u00dcbung aus dem Gleichgewicht, rudere etwas hilflos mit den H\u00e4nden und stelle mir vor, wie sich ein Gegner so vor mir f\u00fcrchten sollte. Eher bek\u00e4me er wohl einen Lachanfall.<\/p>\n\n\n\n<p>Nach dem Aufw\u00e4rmen frage ich mich; das soll Kampfsport sein? Die \u00dcbungen erinnern mich eher an meine ungelenken Schritte damals im Salsa-Tanzkurs. Doch nach einer Trinkpause geht\u2019s endlich mehr zur Sache. Jeweils in Zweierteams werden Schl\u00e4ge ge\u00fcbt. Einer kickt, der andere bremst die Energie mit einem dicken Polsterschild ab. Ich darf beim Meister, auch Kyosa genannt, selber ran. Fuss vor \u2013 anderes Bein hoch \u2013 drehen \u2013 strecken \u2013 Kick mit dem Fussrist \u2013 Zack \u2013 Schritt vor. T\u00f6nt einfach, ist aber schwierig. Mal bin ich zu nahe am Ziel, dann wieder zu weit weg. Oder ich nehme die Arme zu Hilfe, die bei dieser \u00dcbung unten bleiben sollen. Doch passt f\u00fcr einmal alles zusammen, f\u00fchlt es sich richtig gut an. Wie ein gelungener Golf-Abschlag auf der Driving Range.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" width=\"1024\" height=\"768\" src=\"https:\/\/stefanschmid.org\/wp-content\/uploads\/2025\/08\/IMG_9396-1024x768.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-681\" srcset=\"https:\/\/stefanschmid.org\/wp-content\/uploads\/2025\/08\/IMG_9396-1024x768.jpg 1024w, https:\/\/stefanschmid.org\/wp-content\/uploads\/2025\/08\/IMG_9396-300x225.jpg 300w, https:\/\/stefanschmid.org\/wp-content\/uploads\/2025\/08\/IMG_9396-768x576.jpg 768w, https:\/\/stefanschmid.org\/wp-content\/uploads\/2025\/08\/IMG_9396-1536x1152.jpg 1536w, https:\/\/stefanschmid.org\/wp-content\/uploads\/2025\/08\/IMG_9396-2048x1536.jpg 2048w, https:\/\/stefanschmid.org\/wp-content\/uploads\/2025\/08\/IMG_9396-2000x1500.jpg 2000w\" sizes=\"(max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\">Redaktor Stefan Schmid (rechts) \u00fcbt mit Kampfsportlehrer Markus Fedrizzi einen Kick. Foto zVg<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>In meinen Erinnerungen sehe ich Andy Hug. Der vor 25 Jahren verstorbene Kickbox-Champion war in Japan ein Megastar. Er entz\u00fcckte die Massen mit seinem Fussschlag von oben auf die Schulter des Gegners. Diesen Schlag g\u00e4be es auch im Chong-Do, sagt Fedrizzi. \u00abDdwidgumchi Gaanaerigi\u00bb heisst der Andy-Kick. So kompliziert sein Name, so schwierig wohl die Ausf\u00fchrung. Wie man sein Bein so hoch nach oben bringt, kann ich mir nicht vorstellen und verzichte gerne auf einen Versuch.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>\u00abHat mit Gewalt gar nichts zu tun\u00bb<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>\u00abDu musst lernen zu fliessen wie ein Fluss\u00bb, sagt mein Gegen\u00fcber bei den \u00dcbungen. Statt abgehackte Bewegungen sollen die Abl\u00e4ufe harmonisch wirken. Fedrizzi demonstriert mir eine \u00abKata\u00bb, eine Choreografie aus Schritten und Stellungen. Er bewegt sich zuerst geschmeidig wie eine Katze \u00fcber den Asphalt, dann wirbelt er wie ein T\u00e4nzer herum. Seine Schl\u00e4ge gegen einen virtuellen Gegner sind ebenso pr\u00e4zise und kontrolliert. \u00abMit Gewaltanwendung hat das gar nichts zu tun\u00bb, antwortet er auf meine Frage. Vielmehr ist das Koordination und K\u00f6rperbeherrschung, hundertfach ge\u00fcbt. Ich weiss nun, wieso er von Kampfkunst spricht.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Mehr Selbstvertrauen im Alltag<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Markus Fedrizzi, 54 Jahre alt und durchtrainiert wie nicht mancher 20-J\u00e4hrige, \u00fcbt schon seit Kindesalter verschiedenste Kampfsportarten aus. In Hapkido, Kung-Fu und Judo besitzt er den zweiten Dan, im JiuJitsu den blauen Gurt. Seit 30 Jahren ist er als Coach t\u00e4tig und auch ausgebildeter Mentaltrainer. Seine von ihm entwickelte Kampfsportart Chong-Do gehe weit \u00fcber das Training hinaus, sagt er. Es sei auch eine Art Lebensweg und helfe, das Selbstvertrauen zu st\u00e4rken. So \u00fcbt er mit den Kindern auch Atemtechniken, macht mentales Training und Konzentrations\u00fcbungen. Denn wer aufrecht durch den Alltag geht statt in einer B\u00fccklingshaltung, signalisiert St\u00e4rke und f\u00fchlt sich besser, lerne ich zum Abschluss. Und nehme mir vor, mich k\u00fcnftig mehr darauf zu achten.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Muskelkater am n\u00e4chsten Tag schl\u00e4gt dann wuchtig zu und hemmt meinen Vorsatz aufs Erste. Ich schleiche eher ins B\u00fcro statt zu stolzieren. Ganz unauff\u00e4llig \u00fcbe ich ab und zu unter dem Pult einen Kick Richtung Papierkorb.&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In einer Chong-Do-Probelektion lernt Redaktor Stefan Schmid, wie viel K\u00f6rperbeherrschung in den Bewegungen steckt und dass Kampfsport nichts mit Gewalt zu tun hat. 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